Rezension: „Digitale Diagnosen – Psychische Gesundheit als Social-Media-Trend“ von Laura Wiesböck

Oft einen Ohrwurm? Ein Anzeichen für ADHS.
Du siehst gerne alte Ferienserien? Ein Anzeichen für eine Posttraumatische Belastungsstörung.
Gewichtsverlust oder -zunahme? Ein Anzeichen für eine Depression.
Du musst häufig auf die Toilette? Ein Anzeichen für eine Angststörung.

Symptomlisten für psychische Störungen sind ein Renner auf Social Media. Dafür verpacken die Influencer*innen und Content Creator*innen Diagnosekriterien in leicht verständliche, übersichtliche und stark vereinfachte Häppchen. Gewürzt wird das Ganze oft noch mit Geschichten aus dem eigenen Leben, insbesondere der eigenen Betroffenheit. Denn Social-Media-Inhalte müssen möglichst emotional aufbereitet sein, damit sie ziehen.

Die Wiener Soziologin Laura Wiesböck setzt sich in ihrem Buch „Digitale Diagnosen“ mit dem Social-Media-Hype rund um psychische Gesundheit auseinander und erklärt, was die Vor- und die Nachteile des Aufstiegs der mentalen Gesundheit auf Social Media sind.

Unter anderem beleuchtet Wiesböck, warum sich plötzlich so viele Menschen eine Diagnose wünschen und diese wie ein Schutzschild vor sich hertragen – eine Veränderung, die mir vor allem bei meinen jugendlichen und jungen erwachsenen Klient*innen auffällt. Waren psychische Erkrankungen früher oft schambesetzt, so werden die entsprechenden Diagnosen jetzt oft herbeigesehnt.
Endlich wissen, woran man ist.
Endlich, der Umgebung erklären können, warum man so tickt, wie man eben tickt.
Und endlich von der Umwelt verständnisvoller behandelt werden.

Wiesböck schlussfolgert, dass, wer eine psychische Erkrankung hat, weniger leisten darf und einen „guten Grund“ für ineffizientes Verhalten hat, während die psychisch Gesunden vermeintlich „einfach faul“ sind. Sie interpretiert dies als einen Auswuchs unserer Hochleistungsgesellschaft, die Leistung und Effizienz götzenhaft verehrt. Einfach so vor sich hin leben ohne To-Do-Liste, persönliche Weiterentwicklung und erklärtes Ziel? Heutzutage streng verpönt.

Auch mit der inflationären Verwendung psychologischer Begriffe und der „Expertise“ Betroffener setzt sie sich auseinander. Dabei weist sie auf unser zunehmendes Unvermögen hin, mit Ambivalenzen und Grautönen umzugehen. Gerne kategorisieren wir Beziehungen als „toxisch“, den Ex-Freund als „narzisstisch“ oder jede negative Erfahrung als „traumatisch“. Das ist ein weitgehend akzeptiertes Schubladendenken, das uns persönlich entlastet. Denn den unverbesserlichen Narzissten kann man ja nur endgültig aus seinem Leben verbannen und muss nicht an der Beziehung zu ihm arbeiten oder eigenes Verhalten reflektieren. Die Tatsache, dass eine narzisstische Persönlichkeitsstörung relativ selten in voller Ausprägung vorkommt, wird dabei gerne ausgeblendet.

Zum Schluss appelliert die Soziologin, hinderlich oder unangenehm wahrgenommene Gefühlslagen, Handlungsweisen, Erfahrungen oder auch Personen weniger pathologisch zu kategorisieren, zu isolieren und „wegoptimieren“ zu wollen, sondern sie als normalen und gesunden Teil des menschlichen Daseins zu akzeptieren.

Ein sehr lesenswertes Buch, das den Blick dafür schärft, wie wir psychische Erkrankungen wahrnehmen und wie unsere Einschätzung, was „krank“ und was „gesund“ ist, von gesellschaftlichen Einflüssen geprägt ist.

Zum Schluss noch ein TV-Tipp: Bei den SRF Sternstunden Philopsophie zum Thema „ADHS – Störung, Varianz oder Superkraft?“ diskutieren Laura Wiesböck und der Mediziner und ADHS-Spezialist Heiner Lachenmeier darüber, welche kulturellen und medialen Ursachen ADHS neben den neurologischen Besonderheiten noch haben kann.

Wiesböck, Laura (2025). Digitale Diagnosen. Psychische Gesundheit als Social-Media-Trend. (1. Auflage). Wien: Paul Zsolnay Verlag.

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