Berge sind für mich Sehnsuchtsorte – Orte, an denen ich die Natur erlebe, mich spüre, an Grenzen gehe und immer wieder die Erfahrung mache, dass ich zwar vieles planen, aber nicht alles kontrollieren kann.
Wenn etwas Ungeplantes, etwas Unkontrollierbares, vielleicht etwas Gefährliches passiert, gibt es zum Glück die Bergrettung oder Bergwacht. In der Doku-Serie „In höchster Not“ verbinden sich die Faszination für Bergsport mit gelebtem Krisenmanagement: Man sieht nicht nur wunderschöne Naturaufnahmen und spektakuläre Rettungseinsätze, sondern auch, was Menschen in Krisensituationen wirklich trägt und welche Impulse wir daraus für die Krisenintervention – auch im Flachland – mitnehmen können.

In akuten Krisen
Ein Unfall, eine bestürzende Nachricht, ein nahestehende Person droht mit Suizid – in aktuen Krisensituationen schaltet das menschliche Nervensystem in den Überlebensmodus. Der Körper schüttet Stresshormone aus, die Atmung wird schnell und flach, der Puls steigt, gleichzeitig verändern sich Wahrnehmung und Denken:
- Weniger Konzentration und Orientierung
- Eingeschränktes logisches Denken
- Tunnelblick
- Erstarrung
- Hektik oder Panik
In solchen Situationen helfen nicht komplizierte Erklärungen, Techniken und Methoden, sondern Ruhe, Orientierung, Beziehung, klare Führung und Entlastung. Die folgenden Szenen aus „In höchster Not“ zeigen das eindrucksvoll:
1. Sicherheit beginnt mit Beziehung
Die Szene: Ein Mann ist in eine Gletscherspalte gestürzt und steckt seit einer halben Stunde kopfüber darin fest. Ein Bergretter steigt zu ihm ab. Der Verunglückte sagt schwach: „Ich kann nicht mehr.“ Der Bergretter erklärt ihm, was gerade passiert, fragt ihn nach seinem Namen und stellt sich und seinen Kollegen mit dem Vornamen vor. Im weiteren Verlauf spricht er den Verunfallten immer wieder mit dem Namen an.
Warum ist das wichtig? Menschen in akuten Krisen verlieren häufig das Gefühl von Orientierung und Kontrolle. Die Ersthelfer*innen sind Unbekannte. Durch die persönliche Ansprache entsteht wieder Struktur und Beziehung. Der Mensch fühlt sich nicht nur als „Patient*in“ oder „Verletzte*r“, sondern bleibt Person, die mit anderen in Beziehung steht.
Der eigene Name wirkt außerdem stark aktivierend. Er hilft, Aufmerksamkeit zurückzuholen und Orientierung zu fördern. Gerade in Extremsituationen entsteht Sicherheit oft zuerst über Beziehung.
Staffel 2, Folge 3, 17:20
„Vom Gletscher verschluckt“
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2. Durch Sprache Stabilität geben
Die Szene: Ein junges Paar gerät auf der Zugspitze in einen Schneesturm. Die Frau ist bereits stark unterkühlt. Die letzten knapp 150 Höhenmeter zum Gipfel müssen noch gemeinsam bewältigt werden, da eine Rettung mit dem Hubschrauber nicht möglich ist. Ein Kraftakt für Bergretter und Patientin. Während des anstregenden Aufstiegs spricht der Bergretter fast unablässig mit ihr:
„Wir schaffen das!“
„Das wird schon!“
„Zu zweit bekommen wir das schon hin.“
Warum ist das wichtig? Ein Mensch, der in so eine extreme Situation gerät, kann die Hoffnung auf ein gutes Ende schnell verlieren. Gibt er sich auf, so kann er seine Energiereserven nicht mobilisieren und die Rettung kann scheitern. Der Bergretter vermittelt: „Du bist nicht allein.“ „Jemand ist für dich da.“ „Es gibt die Hoffnung auf einen guten Ausgang.“ Zusätzlich aktiviert die Ansprache. Von außen betrachtet, kann das ständige Reden nebensächlich, vielleicht sogar nervig wirken, tatsächlich hat es aber eine enorm wichtige Funktion zur Stabilisierung des Nervensystems.
Staffel 2, Folge 5, 31:10
„Verloren im Schneesturm“
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3. Ruhe ausstrahlen
Die Szene: Ein Bergsteiger hat sich verstiegen und steht ungesichert auf einem schmalen Felsvorsprung. Ein Gewitter zieht auf. Es ist also Eile geboten. Ein Bergretter klettert zu ihm hinauf, bringt mehrere Bohrhaken an und seilt den Bergsteiger an einen sicheren Ort ab, wo der Hubschrauber beide aufnehmen kann. Unten angekommen passiert etwas Spannendes:
Der Bergretter stellt sich ganz ruhig vor. Seine Stimme ist ruhig. Seine Atmung wirkt kontrolliert. Obwohl die Situation hochriskant war, strahlt er Ruhe und Gelassenheit aus. Der Bergsteiger schwingt sich auf die Emotion ein, bleibt entspannt und lächelt.
Warum ist das wichtig? In der Psychologie sprechen wir hier von Co-Regulation. Unser Nervensystem orientiert sich stark an anderen Menschen. In Krisen „lesen“ wir ständig das Nervensystem der Menschen in unserer Umgebung. Ruhe überträgt sich — genauso wie Panik.
Deshalb ist die Selbstregulation von Helfer*innen so wichtig:
- ruhige Stimme
- ruhige Atmung
- klare Bewegungen
- langsames Sprechen
Staffel 1, Folge 4, 23:00
„Luftrettung am Watzmann“
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4. Ehrlichkeit schafft Vertrauen
Die Szene: Zwei Bergretter werden während eines Einsatzes Zeugen eines Spaltensturzes am Gletscher. Der Bruder des Verunfallten läuft panisch auf einen Bergretter zu und fragt: „Ist mein Bruder in Lebensgefahr da unten?“ Der Bergretter antwortet wahrheitsgemäß: „Wir wissen es nicht.“
Warum ist das wichtig? Gerade in Krisen spüren Menschen sehr schnell, ob Informationen ehrlich sind. Beschwichtigungen können zwar kurzfristig beruhigen — langfristig untergraben sie jedoch das Vertrauen. Ehrlichkeit schafft Orientierung, auch wenn die Wahrheit belastend ist. Psychologisch bedeutet Stabilisierung nicht, alles schönzureden, sondern klar und ehrlich zu informieren.
Staffel 2, Folge 1, 30:20
„Lebensgefahr im Höllental“
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5. Klare Führung beruhigt
Die Szene: In der gleichen Situation müssen die beiden Bergretter nun zeitgleich mehrere Personen versorgen. Aufgrund eines nahenden Gewitters herrscht Zeitdruck. Alle reden durcheinander. Einer der Bergretter übernimmt klar die Führung:
„So, und jetzt alle ruhig!“
„Du kommst hierhin und setzt dir einen Helm auf.“
„So, was ist jetzt realistisch?“
Warum ist das wichtig? Menschen in Krisensituationen brauchen keine endlosen Diskussionen, sondern Struktur und Prioritäten. Führung bedeutet in solchen Situationen:
- Verantwortung übernehmen
- Entscheidungen treffen
- Orientierung geben
- Komplexität reduzieren
Das kann kurzfristig streng wirken, vermittelt aber oft genau die Sicherheit, die Menschen in diesem Moment benötigen.
Staffel 2, Folge 1, 32:30
„Lebensgefahr im Höllental“
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6. Scham blockiert – Normalisierung hilft
Die Szene: Ein junger Mann sitzt am Berg fest. Er traut sich weder weiter hinauf noch zurück. Als die Retter ihn nach stundenlanger Suche schließlich finden, harrt er bereits seit dreieinhalb Stunden an derselben Stelle aus. Er ist unterkühlt und die Situation ist ihm peinlich. Er wird gesichert, dann sagt er: „Das ist mir jetzt echt unangenehm.“ Einer der Bergretter antwortet im lockeren Ton: „Das blendest du jetzt mal aus. Jetzt schauen wir, dass wir runterkommen. Schämen kannst du dich dann später.“ Ein anderer ergänzt: „Brauchst du aber nicht. Das sag ich dir auch gleich. Ich war auch schon in Situationen, in denen ich nicht weitergekommen bin.“
Warum ist das wichtig? Menschen reagieren in Krisensituationen nicht nur mit Angst, sondern auch mit Scham. Besonders wenn sie glauben, versagt zu haben oder anderen Umstände zu bereiten. Scham kann die Konzentrations- und Handlungsfähigkeit stark beeinträchtigen. Mit Sätzen wie „Das ist mir auch schon passiert“ reduzieren die Bergretter das Gefühl von persönlichem Versagen beim Betroffenen. Er wird nicht negativ bewertet, sondern erlebt: Ich bin nicht allein damit. Mit diesem Normalisieren reden sie das Problem nicht klein, sondern reduzieren Scham und Schuld so weit, dass Menschen wieder handlungsfähig werden. Gerade in dieser Situation ist das entscheidend: Der junge Mann muss noch sicher absteigen. Dafür braucht er Konzentration — nicht Selbstvorwürfe.
Staffel 1, Folge 1, 32:00
„Verschollen im Nebel“
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Was wir aus diesen Situationen mitnehmen können
Viele Menschen glauben, sie müssten in Krisen „die richtigen Worte“ finden. Oft ist jedoch etwas anderes entscheidend:
- ruhig bleiben
- Orientierung geben
- ehrlich sein
- präsent bleiben
- kleine Schritte anbieten
- entlasten
Nicht perfekte Formulierungen helfen am meisten — sondern verlässliche Beziehung.
Fazit
Gerade bei der Bergrettung wird deutlich, dass psychologische Stabilisierung kein Zusatz zur eigentlichen Rettung ist, sondern ein zentraler Teil des gesamten Geschehens. Verunglückte Menschen sind häufig nicht nur passiv in Not, sondern müssen in vielen Situationen aktiv mitarbeiten — beim Abstieg, beim Sichern oder beim Aushalten belastender Zwischenphasen.
Damit das gelingt, braucht es innere Regulation. Wenn Menschen in Panik geraten, wird nicht nur die Zusammenarbeit schwieriger, sondern auch das Risiko höher. Psychologische Erste Hilfe ist daher kein „Extra“, sondern Voraussetzung für eine sichere Rettung.
Gleichzeitig zeigt sich auch die andere Seite: Diese Form der Co-Regulation ist anspruchsvoll. Bergretter*innen müssen nicht nur körperlich belastbar sein, sondern auch psychisch stabil, um in hochstressigen Situationen ruhig, klar und handlungsfähig zu bleiben — und gleichzeitig die emotionale Lage anderer mitzutragen.
Genau darin liegt ein oft übersehener Kern dieser Arbeit: Rettung ist nicht nur Technik und Ausdauer, sondern auch die Fähigkeit, unter Druck innere Ruhe zu halten — bei sich selbst und im Kontakt mit anderen.
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