Mein Kind muss vor Gericht

Manche von Ihnen haben die folgende Situation bereits erlebt: Ihr Kind erhält eine Ladung zum Familiengericht. Es soll in einem Obsorge- oder Kontaktrechtsverfahren seine Meinung kundtun. Wie reagieren Sie? Wie reagiert Ihr Kind?

Photo by cottonbro on Pexels.com

Kaum eines der Kinder, das ich in acht Jahren als Familiengerichtshelferin getroffen habe, war im ersten Moment von dieser Idee begeistert. Die meisten wünschen sich verständlicherweise Eltern, die diese Angelegenheiten regeln. Eltern, die in der Lage sind, den Fokus auf Ihr Kind zu legen und sich nicht in einem Konflikt mit dem/der Ex-Partner*in verstricken. Leider gelingt das nicht immer. „Zum Frieden braucht es zwei, zum Krieg reicht einer“, so heißt ein Buch des Familylab-Deutschland Gründers Mathias Voelchert.

Sie können sich noch so sehr um Konsens und eine kindgerechte, partnerschaftliche Trennung bemühen. Wenn Ihr Gegenüber diese mit aller Gewalt verhindern möchte, können Sie in ein jahrelanges Obsorge- oder Kontaktrechtsverfahren verwickelt werden. Das alles können Sie also im Hinterkopf haben, wenn diese Einladung vor Ihnen liegt. Und bei den meisten Eltern löst das heftige Gefühle aus, z.B.

Wut: Warum tut er/sie uns das an? Welche Eltern tun Ihren Kindern so etwas an?
Angst: Verliere ich jetzt mein Kind? Was, wenn mein Kind sagt, es möchte beim anderen Elternteil leben?
Ambivalenz: Soll ich in Zukunft weniger deutlich auf das Einhalten der Schlafenszeit pochen und das ein oder andere Eis mehr springen lassen? Wie viel „sanfte Manipulation“, um das Kind auf meine Seite zu ziehen, ist erlaubt?

All diese Gefühle sind normal. Sie sind kein verantwortungsloser Elternteil, weil Sie so denken oder weil Sie Ihre Möglichkeiten ausloten. Sie haben Angst um ihr Kind. Sie haben Angst, dass der Mensch, für den Sie alles tun würden, Ihnen weggenommen wird. Menschen sind in Anbetracht dieser Angst zu vielem fähig.

Was möchte ich Ihnen heute mit auf den Weg geben? Als Psychologin werde ich Ihnen nicht sagen, wie Sie das Obsorgeverfahren in jedem Fall gewinnen werden. Ehrlich gestanden könnte ich das, trotz der vielen Jahre Tätigkeit für das Familiengericht, auch nicht. Wenn es Ihnen ums Gewinnen oder ums Vernichten Ihres/r Ex-Partner*in geht, dann sind Sie bei Anwält*innen, die Sie in diese Richtung beraten (und glücklicherweise tun das bei weitem nicht alle), gut aufgehoben.

Ich möchte Ihnen aufzeigen, was Sie tun können, um Ihr Kind möglichst unbeschadet durch dieses Verfahren zu führen:

Sprechen Sie mit Ihrem Kind! Manche Eltern trauen sich nicht, dieses Thema mit Ihrem Kind zu besprechen aus Angst, Ihnen könnte Manipulation vorgeworfen werden. Nun stellen Sie sich vor, Sie sind 12 Jahre alt, spüren, dass gerade etwas sehr Entscheidendes in Ihrem Leben passiert, und Ihre engste Bezugsperson spricht nicht mit Ihnen darüber. Wie würden Sie sich fühlen? Im Sinne des Kindeswohls kann ich Ihnen daher nur dazu raten, das Gespräch mit Ihrem Kind zu suchen.

In erster Linie sollten Sie, möglichst wertfrei, erklären, worum es bei diesem Verfahren geht:

„Dein Papa/Deine Mama und ich sind uns nicht darüber einig, wo du in Zukunft leben sollst. Da wir keine gemeinsame Entscheidung treffen können, haben wir uns an ein Gericht gewandt, dass uns bei dieser Entscheidung unterstützen wird. Der/die Richter*in möchte nun auch mit dir sprechen, um deine Meinung und Deine Wünsche zu der Sache zu hören. Ich kann dir nicht versprechen, dass deine Wünsche erfüllt werden. Das Gericht wird mit mir sprechen, mit deinem Papa/deiner Mama und mit dir. Jedes Gespräch ist wie ein Puzzlestück. Am Ende setzt es das Puzzle zusammen und trifft eine Entscheidung.“

Wenn Sie diese Botschaften angebracht haben, fallen die Reaktionen unterschiedlich aus. Jüngere Kinder gehen häufig einfach zur Tagesordnung über und feilen weiter an ihrem Lego-Bauwerk. Jugendliche wenden, während Sie das alles erzählen, vielleicht nicht einmal den Blick vom Smartphone ab. Es sei Ihnen dennoch versichert, dass jedes Kind die wichtigen Informationen für sich herausfiltert.

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Wenn Nachfragen kommen, beantworten Sie diese wahrheitsgemäß aber kindgerecht. Auf die Frage: „Könnt Ihr euch nicht einfach wieder vertragen?“ können Sie wahrheitsgemäß antworten: „Leider gelingt es uns nicht, den Streit alleine zu lösen.“ Dass Sie die Verantwortung dafür beim anderen Elternteil sehen, dürfen Sie Ihrem Kind getrost verschweigen, um es nicht zwischen die Fronten zu ziehen. Sollten Ihnen keine neutralen Antworten einfallen, können Sie immer auf ein „Ich weiß es nicht“ ausweichen.

Wenn Ihr Kind wissen möchte, was es bei Gericht sagen soll, sollten Sie ihm keine Worte in den Mund legen. Älteren Kindern dürfen Sie aber ehrlich sagen, dass das, was sie sagen werden, wichtig ist und ernst genommen wird.

Wenige Tage vor dem Termin können Sie Ihr Kind auf die konkrete Situation dort vorbereiten. Zeigen Sie ihm beispielsweise ein Foto des Gerichts. Erkundigen Sie sich vorab, ob es in dem Gericht eine Sicherheitsschleuse am Eingang gibt. Viele Kinder finden diese hochirritierend und werde aus dem Konzept gebracht, wenn Sie mit Metalldetektoren und Sicherheitspersonal konfrontiert sind. Es hilft oft, diese Situation vorab zu beschreiben und zu erklären.

Erklären Sie dem Kind, dass der Richter/die Richterin eventuell mitschreiben oder mithilfe eines Diktiergeräts Aufzeichnungen von dem Gespräch machen wird.

Sollten Sie auch eine Ladung bekommen haben, so ist stark davon auszugehen, dass das Gericht zuerst mit dem Kind sprechen möchte und nachher mit Ihnen. Es ist also hilfreich, entweder eine Begleitperson mit zu dem Termin zu bringen, welche dann vor dem Zimmer mit Ihrem Kind wartet, während Sie Ihr Gespräch haben, oder das Kind mithilfe eines Videospiels oder eines Buches zu beschäftigen.

Zu guter Letzt sollten Sie Ihrem Kind rund um das Scheidungs- oder Trennungsverfahren und das Gespräch bei Gericht immer vermitteln, dass es keine Schuld an dieser Situation hat, dass es nichts falsch machen kann und viele andere Kinder in der gleichen Situation sind.

„Ich liebe Dich, so wie du bist und egal was Du tust“ – Diese Sicherheit wünschen sich alle Kinder von ihren Eltern.

  • Brauchen Sie Unterstützung auf dem Weg durch ein Obsorge- oder Kontaktrechtsverfahren?
  • Spüren Sie Angst und Wut auf den/die Ex-Partner*in und brauchen jemandem, mit dem Sie diese Gefühle durcharbeiten können?
  • Braucht Ihr Kind eine neutrale Ansprechperson?
  • Wollen Sie und Ihr/e Ex-Partner*in versuchen, eine außergerichtliche Einigung zu finden?

Wenden Sie sich gerne an mich. Meine Kontaktdaten finden Sie hier.

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