Was Eltern aus dem Fall Winterhoff lernen können

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Psychopharmaka, die an Kinder aller Altersstufen verabreicht werden und das jahrelang. Kinder und Jugendliche, die in Folge der medikamentösen Behandlung in der Schule einschlafen und sich wie Roboter verhalten.

Ein Kinder- und Jugendpsychiater, der nur kurz mit Kindern spricht, auf Rückmeldungen der Eltern und anderer Betreuungspersonen nicht eingeht und immer und immer wieder dieselbe Diagnose stellt. Anwält*innen, die aufmarschieren, wenn sein Vorgehen in Frage gestellt und eine Zweitmeinung begehrt wird. Die neue ARD Dokumentation (bis 09.08.2022 in der ARD Mediathek abrufbar) über den Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff scheint den Albträumen vieler Eltern entsprungen.

Die meisten Eltern warten lange, bis sie sich mit einem familiären Problem an eine Fachperson wenden. Sie haben Angst, dass ihr Kind mit einer Diagnose abgestempelt wird oder dass ihnen die Schuld für die Schwierigkeiten des Kindes gegeben wird. Ist die Situation nicht mehr länger tragbar, wird versucht, rasch eine geeignete Ansprechperson zu finden. Klar, wenden sich Eltern gerne an Personen, die aus den Medien bekannt sind, da sie ihnen Kompetenz zusprechen.

Der Autor Michael Winterhoff ist seit vielen Jahren gern gesehener Gast in Talkshows, hält Vorträge (einige davon finden Sie auf youtube) und gibt Interviews, beispielsweise im Standard oder in der Tageszeitung Die Presse. Er vertritt die These, dass Kinder zu Tyrann*innen werden, wenn man sie nicht in ihre Grenzen weist. Das Problem der Kinder liege immer im Verhalten der Eltern oder der Gesellschaft. Deren Umgang mit den Kindern führe zu symbiotischen Beziehungen, durch welche die Kinder zu Narzisst*innen werden. Diese Ansichten sind markant und werden medial oft als Gegenpol zur bedürfnisorientierten Erziehung dargestellt. Medien lieben markante Inhalte und Zuspitzungen. Michael Winterhoff gibt sie ihnen.

Die Dokumentation über Michael Winterhoff ist gerade erschienen und die Wogen gehen hoch. Die Vorwürfe werden aktuell geprüft. Mehrere Strafanzeigen Betroffener befinden sich in Vorbereitung bzw. wurden bereits bei der Staatswanwaltschaft eingereicht. Es wird wohl länger dauern, bis sich sagen lässt, ob der Arzt seine jungen Patient*innen nach den Regeln der ärztlichen Kunst behandelt hat.

Was bedeutet das nun in der Praxis für Sie als Eltern?

Was können Sie tun, wenn Sie auf der Suche nach Hilfe für Ihr Kind sind?

  • Seien Sie kritisch! Egal, wie bekannt, geschätzt und auf diversen Beurteilungsportalen hochbewertet eine Fachperson ist, stellen Sie Fragen! Es ist Ihr Recht zu wissen, was mit Ihnen und Ihrem Kind geschieht und wie die Einschätzung der Fachkräfte zustande kommt. Das gilt im Umgang mit Psycholog*innen, Psychiater*innen, aber auch Pädagog*innen gleichermaßen. Fachkräfte haben nach den aktuellen Erkenntnissen der Wissenschaft zu arbeiten und nicht nach persönlichen Vorlieben und Meinungen. Stellen Sie so lange Fragen, bis Sie wissen, was vor sich geht. Ihre Überzeugung, dass bei der Behandlung der richtige Weg eingeschlagen wird, trägt maßgeblich zum Gelingen bei. Auch wenn Sie manchmal das Gefühl haben, lästig zu sein, die psychische Gesundheit Ihres Kindes liegt in erster Linie in Ihrer Verantwortung. Nehmen Sie sie wahr!
  • Holen Sie eine zweite Meinung ein! Psychische Probleme zu haben, ist schambesetzt. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Schwäche wird zwar irgendwie akzeptiert, es gilt aber, sie möglichst rasch zu beheben, um wieder leistungsfähig zu werden. Dadurch wird oft vermieden, mit mehreren Personen über Probleme zu sprechen. Hat man jemanden gefunden, der sich zuständig fühlt, wird in der Hoffnung auf Erfolg weitergearbeitet. Grundsätzlich ist das vollkommen in Ordnung, WENN Sie sich gut aufgehoben fühlen. Haben Sie ein komisches Gefühl oder kommt Ihnen die Vorgangsweise eigenartig vor, gehen Sie zu jemand anderem. Natürlich kann es sein, dass die Person, die Sie zuerst konsultiert haben, Recht hatte. Dann sollten deren Diagnose und Vorgehen von weiteren Fachkräften bestätigt werden.
  • Lassen Sie sich nicht verunsichern! Sie müssen kein facheinschlägiges Studium absolviert haben, um zu verstehen, was mit Ihrem Kind los ist. Lassen Sie sich nicht durch Fachbegriffe verunsichern. Jemand, der Menschen berät und behandelt, sollte in der Lage sein, Informationen so für sie aufzubereiten, dass sie verständlich sind.
  • Sie sind die Expert*innen für Ihr Kind! Niemand kennt Ihr Kind so gut wie Sie. In die Behandlung von Kindern müssen die Eltern bzw. engsten Betreuungs- oder Bezugspersonen immer einbezogen werden, da sie wichtige Informationen liefern und im Alltag die meiste Zeit mit dem Kind verbringen. Das bedeutet nicht, dass Sie bei jedem Prozess teilnehmen, aber in der Behandlung im Gesamten präsent sind.

Medienberichte wie der oben zitierte verunsichern. Kann man denn niemandem mehr trauen? Ich möchte Sie beruhigen: Der Großteil der mir bekannten Fachkräfte ist fachlich kompetent und bemüht, die beste Lösung für Sie und Ihre Familie zu finden. Holen Sie sich Hilfe, wenn Sie welche benötigen, und verzagen Sie nicht, wenn Sie mehrere Personen aufsuchen müssen, bis die richtige für Sie dabei ist. Bleiben Sie dran, es lohnt sich!

Und zu guter Letzt ein Appell an die Medien: Journalismus ist ein hartes Geschäft, Medien sind Wirtschaftsunternehmen und jeder Klick bringt Bares. Es kann verlockend sein, Menschen Raum zu geben, die Quote bringen. Machen Sie sich dennoch bewusst, was Sie damit auslösen, recherchieren Sie gut und nutzen Sie Ihre journalistische Verantwortung. Besonders die Kinder werden es Ihnen danken!

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