Was Eltern aus dem Fall Winterhoff lernen können

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Psychopharmaka, die an Kinder aller Altersstufen verabreicht werden und das jahrelang. Kinder und Jugendliche, die in Folge der medikamentösen Behandlung in der Schule einschlafen und sich wie Roboter verhalten.

Ein Kinder- und Jugendpsychiater, der nur kurz mit Kindern spricht, auf Rückmeldungen der Eltern und anderer Betreuungspersonen nicht eingeht und immer und immer wieder dieselbe Diagnose stellt. Anwält*innen, die aufmarschieren, wenn sein Vorgehen in Frage gestellt und eine Zweitmeinung begehrt wird. Die ARD Dokumentation über den Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff scheint den Albträumen vieler Eltern entsprungen.

Die meisten Eltern warten lange, bis sie sich mit einem familiären Problem an eine Fachperson wenden. Sie haben Angst, dass ihr Kind mit einer Diagnose abgestempelt wird oder dass ihnen die Schuld für die Schwierigkeiten des Kindes gegeben wird. Ist die Situation nicht mehr länger tragbar, wird versucht, rasch eine geeignete Ansprechperson zu finden. Klar, wenden sich Eltern gerne an Personen, die aus den Medien bekannt sind, da sie ihnen Kompetenz zusprechen.

Der Autor Michael Winterhoff ist seit vielen Jahren gern gesehener Gast in Talkshows, hält Vorträge (einige davon finden Sie auf youtube) und gibt Interviews, beispielsweise im Standard oder in der Tageszeitung Die Presse. Er vertritt die These, dass Kinder zu Tyrann*innen werden, wenn man sie nicht in ihre Grenzen weist. Das Problem der Kinder liege immer im Verhalten der Eltern oder der Gesellschaft. Deren Umgang mit den Kindern führe zu symbiotischen Beziehungen, durch welche die Kinder zu Narzisst*innen werden. Diese Ansichten sind markant und werden medial oft als Gegenpol zur bedürfnisorientierten Erziehung dargestellt. Medien lieben markante Inhalte und Zuspitzungen. Michael Winterhoff gibt sie ihnen.

Die Dokumentation über Michael Winterhoff ist gerade erschienen und die Wogen gehen hoch. Die Vorwürfe werden aktuell geprüft. Mehrere Strafanzeigen Betroffener befinden sich in Vorbereitung bzw. wurden bereits bei der Staatswanwaltschaft eingereicht. Es wird wohl länger dauern, bis sich sagen lässt, ob der Arzt seine jungen Patient*innen nach den Regeln der ärztlichen Kunst behandelt hat.

Was bedeutet das nun in der Praxis für euch als Eltern?

Was kannst du tun, wenn du auf der Suche nach Hilfe für dein Kind bist?

  • Sei kritisch! Egal, wie bekannt, geschätzt und auf diversen Beurteilungsportalen hochbewertet eine Fachperson ist, stell Fragen! Es ist dein Recht zu wissen, wie die Einschätzung der Fachkräfte zustande kommt. Das gilt im Umgang mit Psycholog*innen, Psychiater*innen, aber auch Pädagog*innen gleichermaßen. Fachkräfte haben nach den aktuellen Erkenntnissen der Wissenschaft zu arbeiten und nicht nach persönlichen Vorlieben und Meinungen. Stell so lange Fragen, bis du weißt, was vor sich geht. Deine Überzeugung, dass bei der Behandlung der richtige Weg eingeschlagen wird, trägt maßgeblich zum Gelingen bei. Auch wenn du das Gefühl hast, lästig zu sein, die psychische Gesundheit deines Kindes liegt in erster Linie in deiner Verantwortung. Nimm sie wahr!
  • Hole eine zweite Meinung ein! Psychische Probleme zu haben, ist schambesetzt. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Schwäche wird zwar irgendwie akzeptiert, es gilt aber, sie möglichst rasch zu beheben, um wieder leistungsfähig zu werden. Dadurch wird oft vermieden, mit mehreren Personen über Probleme zu sprechen. Hat man jemanden gefunden, der sich zuständig fühlt, wird in der Hoffnung auf Erfolg weitergearbeitet. Grundsätzlich ist das vollkommen in Ordnung, WENN du dich gut aufgehoben fühlst. Hast du ein komisches Gefühl oder kommt dir die Vorgangsweise eigenartig vor, gehe zu jemand anderem. Natürlich kann es sein, dass die Person, die du zuerst konsultiert hast, Recht hatte. Dann sollten deren Diagnose und Vorgehen von weiteren Fachkräften bestätigt werden.
  • Lass dich nicht verunsichern! Du musst kein facheinschlägiges Studium absolviert haben, um zu verstehen, was mit deinem Kind los ist. Lass dich nicht durch Fachbegriffe verunsichern. Jemand, der Menschen berät und behandelt, sollte in der Lage sein, Informationen so aufzubereiten, dass sie verständlich sind.
  • Ihr seid die Expert*innen für dein Kind! Niemand kennt dein Kind so gut wie du. In die Behandlung von Kindern müssen die Eltern bzw. engsten Betreuungs- oder Bezugspersonen immer einbezogen werden, da sie wichtige Informationen liefern und im Alltag die meiste Zeit mit dem Kind verbringen. Das bedeutet nicht, dass du bei jedem Prozess teilnimmst, aber in der Behandlung im Gesamten präsent bist.

Medienberichte wie der oben zitierte verunsichern. Kann man denn niemandem mehr trauen? Ich möchte dich beruhigen: Der Großteil der mir bekannten Fachkräfte ist fachlich kompetent und bemüht, die beste Lösung für Familien und Kinder zu finden. Hole dir Hilfe, wenn du welche benötigst, und verzage nicht, wenn du mehrere Personen aufsuchen musst, bis die richtige dabei ist. Bleib dran, es lohnt sich!

Und zu guter Letzt ein Appell an die Medien: Journalismus ist ein hartes Geschäft, Medien sind Wirtschaftsunternehmen und jeder Klick bringt Bares. Es kann verlockend sein, Menschen Raum zu geben, die Quote bringen. Mach dir dennoch bewusst, was du damit auslöst, recherchiere gut und nutze deine journalistische Verantwortung. Besonders die Kinder werden es dir danken!

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