Die unbändige Wut eines Kleinkindes

Bettina N. kommt das erste Mal und einigermaßen verzweifelt zu mir in die Elternberatung.

„Mein fünfjähriger Sohn Max hat einen Wutausbruch nach dem anderen. Schon in der Früh geht es los, wenn ich sein Frühstücksbrot nicht ‚richtig‘ anrichte. Jeden Tag äußert er einen noch absurderen Wunsch. Und ganz egal, wie ich es mache, es ist falsch.

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Weiter geht es auf dem Weg in den Kindergarten, weil der Fahrradhelm drückt oder zu locker sitzt. Und direkt nach dem Kindergarten ist es am schlimmsten. Egal, was ich tue, er bockt und schreit und ist außer sich. Wenn er am Abend nach weiteren Wutanfällen endlich eingeschlafen ist, bin ich vollkommen erschöpft.“

Die Wut der Kleinkinder kennen alle Eltern. Das Familienleben kann in besonders wütenden Phasen dem Tanz auf einem Vulkan gleichen und das ständige Trippeln auf rohen Eiern macht mürb.

Frau N. steigen die Tränen in die Augen. „Ich kann einfach nicht mehr! Immer wollte ich eine entspannte Mama sein. Eine, die die Wutanfälle mit dem Kind aushält und einfach drüber steht. Aber es gelingt mir nicht.“ Leise flüstert sie: „Inzwischen nenne ich mein Kind manchmal in meinem Kopf ‚Terrorzwerg‘ und Schlimmeres.“

Grundsätzlich gehören Wutausbrüche zu einer normalen Entwicklung. Egal, wie bemüht, reflektiert und informiert Eltern sind, auch ihr Kind wird nicht von vornherein seine Impulse kontrollieren können. Ein wütendes Kleinkind ist daher kein Grund zur Sorge. Nimmt die Wut aber ein Ausmaß an, welches das Familiensystem erschüttert, ist Hilfe geboten.

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Wenn Eltern zu mir in Beratung kommen, tasten wir uns gemeinsam an die Lösung des Problems heran. Jede Familie besteht aus einer einzigartigen Konstellation unvergleichlicher Personen. Meist wurden schon einige Lösungswege ausprobiert, die nicht den gewünschten Erfolg gebracht haben.

Auch Frau N. hat schon einiges versucht. Sie liest gerne Elternratgeber und Blogs und nimmt sich die Zeit, Vorträge im Eltern-Kind-Zentrum zu besuchen.

Ausführlich besprechen wir die Familiensituation, die Charaktereigeschaften von Max, den Erziehungsstil der Eltern und vieles mehr. Eine Erklärung für die unbändige Wut finden wir darin nicht. Ich bitte Frau N., mir den letzten Wutanfall detailliert zu schildern. Da dieser erst wenige Stunden her ist, fällt ihr das entsprechend leicht:

„…und dann habe ich mich ein bisschen von ihm entfernt hingehockt und versucht, möglichst entspannt auszusehen. Ich habe nichts gesagt, das mache ich meistens so. Irgendwann hat er sich dann wieder beruhigt„, erzählt sie mir.

Bei näherem Nachfragen zeigt sich, dass Frau N. den Anspruch hat, sich Max gegenüber möglichst neutral zu verhalten. In freudigen Situationen äußert sie sich zwar positiv, in belastenden Situationen aber verstummt sie. Frau N. schildert weiter, dass sie bestrebt ist, negative Gefühle ihm gegenüber nicht auszudrücken. Sie wolle ihn nicht mit ihren „Gefühlen erpressen“ und ihm eine glückliche Kindheit ermöglichen. „Ihnen ist es wichtig, dass Max keine negativen Gefühle erlebt?“, frage ich nach. Frau N. bejaht und meint, dass das doch alle Eltern für ihre Kinder möchten. Gerade deswegen mache es sie traurig, dass Max nun ständig wütend sei. Das habe sie ihm so gut es geht ersparen wollen.

Der fünfjährige Max spürt, dass es ihm nicht gut geht. Aufgrund seines Alters und der mangelnden Erfahrungen mit dem Ausdrücken seiner Gefühle kann er aber nicht sagen, was mit ihm los ist.

Gefühle gehören zum Leben, die positiven genauso wie die negativen! Eltern können ihren Kindern Kummer, Sorgen und Leid nicht ersparen. Sie können nur für sie da sein und ihnen beibringen, wie sie damit umgehen.

Was kann in so einer Situation helfen?

Wichtig ist, dass das Thema Gefühle einen Platz im Familienalltag bekommt. Es gibt viele tolle Kinderbücher über Gefühle, beispielsweise das bezaubernde Werk vom Farbenmonster, dem seine Gefühle durcheinander geraten sind, oder die Klassiker über den Dino, der Gefühle zeigt, und Mies van Houts Heute bin ich – Fische.

Diese Bücher können mit den Kindern gemeinsam gelesen und ihre Gefühle dabei besprochen werden. Gerade wenn ein Kind schon mit dem ‚falschen Fuß aufsteht‘, gereizt wirkt oder an einem Tag einfach nicht zur Ruhe findet, kann man die Bücher zur Hand nehmen und das Gefühl darin suchen lassen. „Ich habe den Eindruck, dir geht es nicht so gut, welcher Dino bist du gerade?“ Dieses Besprechen sollte schon im Vorfeld und regelmäßig passieren, nicht dann, wenn das Kind bereits strampelnd und schreiend am Boden liegt. Der erste Schritt, Impulse zu kontrollieren und Gefühle so auszudrücken, dass es nicht die ganze Nachbarschaft mitbekommt, ist dieses schlichte Benennen.

Oft neigen Eltern dazu, die Kinder abzulenken oder mit einer tollen Aktion die Gefühle in eine andere Richtung zu lenken. Bis zu einem gewissen Grad ist das auch in Ordnung. Wenn aber jedes negative Gefühl sofort aus dem Weg geschafft wird, lernen die Kinder nicht, mit diesen Gefühlen umzugehen und sie auch einmal auszuhalten. Gerade kleinere Kinder brauchen dabei die Unterstützung eines vertrauten Erwachsenen. Haben sie aber erst einmal Übung darin, gelingt es ihnen besser, zu verbalisieren, was sie stört, warum sie traurig sind oder was ihnen die Laune verhagelt.

Auch Eltern dürfen Kinder an ihren Gefühlen teilhaben lassen und so als Vorbild bei der Bewältigung dienen: „Heute in der Arbeit hatte ich einen Streit mit meinem Kollegen, ich bin immer noch ganz verärgert.“ Gemeinsam können sie auch überlegen, was dagegen helfen könnte. In dem Buch Conni ist wütend thematisieren Conni und ihre Eltern verschiedene Bewältigungsstrategien, die bei Wut helfen können. Conni lernt so, dass Wut etwas Normales ist, das auch Erwachsene haben. Sie lernt aber auch, dass es Wege gibt, mit dieser Wut umzugehen.

Auch mit Frau N. bespreche ich all diese Punkte. Schritt für Schritt versucht sie umzusetzen, was ihr möglich ist. Die Wutausbrüche von Max legen sich nicht sofort. Frau N. muss dieses Vorgehen mehrere Wochen durchhalten, bevor sie erste Erfolge sieht. Dann aber werden die Wutausbrüche seltener, sanfter und wesentlich kürzer.

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Im Elterncoaching geht es lange Zeit um Max und seine Wut. Und dann ebenso lange um die Befindlichkeit von Frau N., um ihren eigenen Umgang mit Gefühlen und wie wenig erlaubt negative Gefühle in ihrer Herkunftsfamilie waren.

Bei unserer letzten Einheit ist Frau N. eine wesentlich entspanntere Mama, die ihr Kind auch in seiner Wut begleiten kann. Genau so, wie sie es sich gewünscht hat.

„Am Anfang kam mir das alles so künstlich vor, ständig über Max‘ Gefühle zu sprechen, ständig mit ihm über Bewältigungsstrategien zu diskutieren. Inzwischen ist es für uns vollkommen normal geworden, dass die Gefühle aller Familienmitglieder in unserem Familienleben Platz haben.“ Frau N. lacht, als sie erzählt: „Dadurch ist unser Leben komplizierter geworden, aber wir sind uns viel näher als zuvor.“

Der Alltag von Bettina N. und ihrem Sohn Max hat sich verbessert. Der Weg dorthin war nicht ganz einfach, aber es hat sich ausgezahlt. Nicht jede Familie hat mit dieser Strategie Erfolg. In der Elternberatung ist es wichtig, auf die einzigartige Situation des Kindes einzugehen und gemeinsam mit der Familie individuelle Lösungswege zu suchen.

Brauchen auch Sie Unterstützung im Umgang mit negativen Gefühlen? Wenden Sie sich gerne an mich. Meine Kontaktdaten finden Sie hier.

Die Fallgeschichte ist real, aber so verfremdet, dass keinerlei Rückschluss auf die Klient*innen möglich ist. So bleibt die Vertraulichkeit gewahrt und andere Personen können von den erarbeiteten Hilfestellungen profitieren.


Der Artikel ist auch auf www.feeling-better.blog erschienen. Der Blog der Klinischen Psychologin und Gesundheitspsychologin Andrea Prettenhofer befasst sich mit Positiver Psychologie und mit dem Gedanken, dass negative genauso wie positive Gefühle einen berechtigten Platz im Leben haben.

1 Kommentar zu „Die unbändige Wut eines Kleinkindes

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