Mein Kind droht mit Selbstmord – Was können Eltern tun?

Pubertät ist, wenn die Eltern plötzlich komisch werden!

Die Pubertät ist keine einfache Zeit! Weder für die Jugendlichen, die mit Umbauprozessen ihres Gehirns und Veränderungen ihres Körpers beschäftigt sind, noch für die Eltern, die plötzlich ihrem stacheligen, abweisenden Nachwuchs gegenüber stehen.

Trotz der Zurückweisung, die die Eltern immer wieder erfahren, sind sie dennoch wichtige Bezugspersonen und Fixsterne für ihre Kinder. Daher sind auch sie oft die ersten, die erfahren, wenn es ihrem Kind wirklich schlecht geht. Bereits vor der Corona-Pandemie war Suizid bei Jugendlichen in Österreich die zweithäufigste Todesursache. Im Coronajahr 2020 ist die Suizidrate glücklicherweise nicht gestiegen. Wie dieser Wert für 2021 aussieht, lässt sich noch nicht abschließend beurteilen. Aktuell häufen sich in jedem Fall Anfragen von Eltern, die mit Suizidäußerungen ihrer Kinder konfrontiert sind.

Was können Eltern tun, wenn die Tochter oder der Sohn sich zurückgezogen hat, nicht mehr erreichbar ist und dunkle Gedanken äußert?

Photo by Jens Mahnke on Pexels.com

Melanie, 17 Jahre alt, wurde gerade von ihrem Freund verlassen. Ihre Schulnoten sind im Durchschnitt. Die Eltern merken, dass Melanie sich sozial isoliert. Sie trifft ihre beste Freundin Mara nicht mehr. Sie hat keine Lust auf den Volleyballverein, weil ihr dort die Corona-Testerei auf die Nerven geht. Meist sitzt sie in ihrem Zimmer und wirkt bedrückt. Gesprächen mit den Eltern geht sie aus dem Weg. Als die Mutter eines abends in Melanies Zimmer kommt, bemerkt sie Rauchgeruch und spricht die Jugendliche darauf an. Melanie beginnt zu schreien und zu weinen. Unter anderem sagt sie mehrmals, dass niemand für sie da sei und es doch allen egal wäre, würde sie nicht mehr leben. Die Mutter versucht Melanie zu trösten und sie in den Arm zu nehmen, aber die Jugendliche bittet sie zu gehen. Schluchzend bleibt Melanie alleine in ihrem Zimmer zurück.

Was tun Sie als Mutter oder Vater? Lassen Sie Ihr Kind einweisen, weil es Suizidgedanken geäußert hat? Gehen Sie über die Äußerung hinweg, weil Melanie das sicher nicht ernst meint oder Jugendliche halt mal so sind?
Hat ein Jugendlicher Tabletten gesammelt oder hält sich ein Messer an den Hals, rufen sie natürlich die Rettung. Aber was, wenn die Suiziddrohungen nicht so konkret ist?
Genau diese Grautöne, die den Alltag im Zusammenleben mit Jugendlichen bestimmen, machen es Eltern schwer.

Anbei möchte ich Ihnen ein paar Anregungen zum Umgang mit solchen Situationen geben:

Bleiben Sie in Kontakt!
Ihr Kind wirkt abweisend. Es sieht nicht vom Handy auf, wenn Sie in den Raum kommen. Es will nichts mit Ihnen unternehmen. Sie erfahren wenig aus dem Alltag. Verständlich, wenn Eltern diesem Ruhewunsch des Kindes nachkommen und nicht auf engeren Kontakt drängen. Dennoch sollte Ihnen immer klar sein, dass Sie ganz wichtige Fixsterne für Ihre Kinder sind. Der Einfluss der Eltern nimmt zwar gerade in der Pubertät immer mehr ab, aber als Eltern haben Sie weiterhin einen hohen Stellenwert. Ihr Kind braucht Sie und Ihre liebevolle Aufmerksamkeit. Zeigen Sie Interesse am Leben Ihres Kindes.

Auch wenn Sie die neuesten Querelen in der Schulklasse oder das tolle Computerspiel nicht besonders spannend finden: Indem Sie zuhören, signalisieren Sie, dass Ihr Kind und seine Vorlieben Ihnen wichtig sind.

Dabei sollten auch Sie Wünsche für ein gelingendes Zusammenleben äußern und Ihre Grenzen aufzeigen, zum Beispiel freche Wortmeldungen oder Beschimpfungen nicht akzeptieren. Denken Sie dabei immer daran, dass unter dem Stachelmantel weiterhin Ihr Kind steckt, dass Sie braucht und liebt. Mit dieser langfristigen Strategie haben Sie eine bessere Chance, dass sich Ihr Kind an Sie wendet, wenn „der Hut brennt“ und Sie nicht von plötzlichen Suiziddrohungen überrascht werden.

Holen Sie sich Hilfe bei der Beurteilung der aktuellen Situation!
Hier finden Sie eine Liste von Krisentelefonnummern, die Sie jederzeit anrufen können. Spitzt sich die Lage bei Ihnen zu Hause also am Samstagabend zu, können Sie mithilfe einer neutralen Ansprechperson einen kurzfristigen Handlungsplan entwickeln und Ihren eigenen Stresspegel senken.

Sprechen Sie Suizidäußerungen direkt an!
„Du hast gesagt, dass es allen egal wäre, würdest du nicht mehr leben. Hast du schon einmal darüber nachgedacht, dir das Leben zu nehmen?“ Haben Sie keine Angst, dass das klare Benennen Suizidgedanken auslöst. Der Impuls kommt in diesem Fall von Ihrem Kind, d.h. die Beschäftigung mit dem Thema Selbstmord ist bereits vorhanden. Würden Sie das Thema hingegen ignorieren, so würde sich Ihr Kind von Ihnen alleine gelassen und nicht ernst genommen fühlen. Wenn Sie unsicher sind, können Sie das Ihrem Kind gegenüber auch eingestehen: „Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll, dass du über Selbstmord nachdenkst, aber ich möchte für dich da sein. Was kann ich tun, damit es dir besser geht?“

Bieten Sie an, gemeinsam Hilfe zu suchen!
Auch, wenn es nicht immer einfach ist, die richtige Anlaufstelle zu finden, bieten Sie auf jeden Fall an, diesen Weg gemeinsam zu gehen. Eine Ansprechperson außerhalb der Familie kann Ihr Kind entlasten oder mit Ihnen gemeinsam das weitere Vorgehen planen.

Achten Sie auf Ihren eigenen Energiehaushalt!
Wenn Sie schon einmal mit einem Flugzeug geflogen sind, wissen Sie, dass Eltern bei einem Druckabfall in der Kabine immer aufgefordert sind, zuerst sich selber die Sauerstoffmaske aufzusetzen, bevor Sie Ihre Kinder dabei unterstützen. Der Grund dafür ist einfach: Wenn Sie nicht klar denken können, können Sie nicht für Ihr Kind da sein.

Sorgen Sie daher, gerade in den stürmischen Zeiten der Pubertät, dafür, dass auch Sie Erholungs- und Entspannungszeiten haben. Wenn Sie in der Dauerbelastung den Kopf verlieren, ist niemandem geholfen.

Mehr niederschwellige Hilfsangebote für Eltern und Jugendliche wären dringend notwendig. Aber auch, wenn professionelle Hilfe vorhanden ist, wird es immer wieder Situationen geben, in denen Sie als Eltern stark gefordert sind.

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