Ich muss eine Mauer bauen!

Herr T. kommt seit einem halben Jahr einmal pro Monat zu mir zur Einzelsupervision. Er „gönnt“ sich die Einheiten, um über seine Tätigkeit bei einer IT-Firma, den Umgang mit einem unliebsamen Kollegen und die Balance zwischen Beruf und Familie zu reflektieren.

Dieses Mal scheint er sehr aufgebracht und platzt sofort mit seinem Anliegen heraus: „Wenn es so weiter geht, baue ich eine Mauer quer durch unser Wohnzimmer! Niemand kann neben einem Schulkind und zwei Kindergartenkindern arbeiten. Ich drehe bald durch!“

Nachdem Herr T. etwas Dampf abgelassen und sich beruhigt hat, berichtet er von seinem Problem: Aufgrund der Coronamaßnahmen arbeitet er aktuell im Home Office. Nun hat seine Firma beschlossen, dauerhaft Büroräumlichkeiten aufzugeben und stattdessen flexible Arbeitsplätze zu schaffen, die nach Bedarf von unterschiedlichen Personen genutzt werden können. Da seit Beginn der Corona-Pandemie alle Mitarbeiter*innen ins Home Office gewechselt sind und die Arbeitsleistung dadurch nicht abgenommen hat, wird diese Möglichkeit auch in Zukunft in großem Ausmaß genutzt. Ein fixer Schreibtisch pro Mitarbeiter*in rechnet sich daher nicht mehr.

Für Herrn T. bröckelt damit die Struktur seines Alltags. „Nie, nie, nie wollte ich ins Home Office. Damit ich gut funktioniere, muss ich mich morgens anziehen und außer Haus gehen. Wenn ich nur daheim bin, fällt es mir schwer, mich zu motivieren. Und sobald die Kinder da sind, geht sowieso gar nichts mehr. Der Ausblick, dass das nun für immer so weiter geht, raubt mir jede Energie.“

Home Office bietet genau so viele Vor- wie Nachteile: kein Pendeln mehr, flexible Zeiteinteilung und mehr Freiheiten sprechen dafür, Bewegungsmangel, fehlende Motivation und die Vermischung von Berufs- und Privatleben dagegen. Während die einen bei der Arbeit in den eigenen vier Wänden aufblühen, gehen andere daheim mit wehenden Fahnen unter.

Was heißt die neue Firmenpolitik für Herrn T.?
Wir besprechen zunächst, ob und wie Herr T. zuhause eine konzentrierte Arbeitsumgebung schaffen kann.

Er bewohnt mit seiner Partnerin und seinen drei Kindern eine 110 Quadratmeter große Wohnung. Einen eigenen Arbeitsraum gibt es nicht, und weder in den zwei Kinderzimmern noch im Schlafzimmer ist ausreichend Platz für einen Schreibtisch. Das große Wohnesszimmer, wo der Arbeitsplatz untergebracht ist, wird ab dem frühen Nachmittag von allen Familienmitgliedern genutzt.

Darüber hinaus ist für Herrn T. eine räumliche Veränderung notwendig, um „in die Gänge zu kommen“. Es fällt ihm schwer, sich selbst zu strukturieren, wenn er alleine zu Hause ist. Er lässt sich leicht ablenken und sieht 1000 Dinge, die er noch im Haushalt erledigen könnte. „Bei drei Kindern geht die Arbeit nie aus“, stellt er schmunzelnd fest.

Bei allen Vorteilen von Home Office: Bei Herrn T. trägt es nicht zu seinem beruflichen Wohlbefinden bei. Wir erforschen also andere Möglichkeiten:

Wie kann Herr T. seinem Arbeitgeber mitteilen, dass er gerne im Büro und umgeben von anderen arbeiten würde, ohne die Situation für Kolleg*innen zu verschlechtern, die gerne im Home Office bleiben? Herr T. beschließt, im ersten Schritt seine Kolleg*innen zu fragen, wer regelmäßig Zeit im Büro verbringen möchte. Vielleicht ist er mit seinem Home-Office-Problem ja gar nicht alleine und kann Absprachen zum Arbeiten vor Ort innerhalb seines Teams treffen, ohne die Führungsebene zu involvieren.

Weiters wird Herr T. die Coworking-Möglichkeiten in seiner Wohnumgebung ausloten. In einem solchen Großraumbüro teilt er sich zwar auch den Schreibtisch mit anderen Personen, er kann aber nötigenfalls auch nur für wenige Stunden am Tag die räumliche Umgebung wechseln, wenn es ihm zu Hause zu trubelig wird, und vom professionellen Umfeld profitieren. Auf der Plattform Coworking Spaces sind Coworking Büros in ganz Österreich gelistet.

Und auch einige Tipps zum strukturierten Arbeiten im Home Office, wie sie zum Beispiel die Arbeiterkammer Oberösterreich hier zusammengestellt hat, gehen wir durch. Denn wann und wie genau Herr T. ins Büro zurückkehren kann, ist noch ungewiss.

Außerdem nimmt sich Herr T. vor, ab jetzt jeden Morgen kurz das Haus zu verlassen, um seine Tochter in die Schule zu bringen. So muss er sich öffentlichkeitstauglich anziehen und kann nicht den halben Tag im Pyjama verbringen.

Am Ende unserer Einheit ist Herr T. etwas ruhiger. „Ich habe jetzt wieder mehr Handlungsmöglichkeiten, die ich ausloten kann. Das tut mir gut“, reflektiert er.

Das Thema Home Office bleibt spannend. Aktuell lässt sich schwer vorhersehen, wie sich der Trend nach der Corona-Pandemie weiterentwickeln wird. Fest steht aber, dass nicht nur Arbeitnehmer*innen, sondern auch Arbeitgeber*innen flexibel bleiben müssen. Denn bei allen Vorteilen ist nicht jede Arbeitsform für jede/n Arbeitnehmer*in zu jedem Zeitpunkt passend. Es gilt, individuelle Lösungen zu finden, damit Mitarbeiter*innen gerne und damit gut arbeiten.

Die Fallgeschichte ist real, aber so verfremdet, dass keinerlei Rückschluss auf die Klient*innen möglich ist. So bleibt die Vertraulichkeit gewahrt und andere Personen können von den erarbeiteten Hilfestellungen profitieren.

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