Rezension: „Die Welt als unsicherer Ort – Psychotherapeutisches Handeln in Krisenzeiten“ von Luise Reddemann

Das Leben fühlt sich für viele Menschen derzeit an wie eine Dauerkrise – genauer gesagt wie mehrere Krisen hinter- und nebeneinander: Corona, Krieg in der Ukraine, Klimawandel, Artensterben, Inflation, … Das wirkt sich auch auf die therapeutische Arbeit mit Klient*innen aus: Normalerweise soll in der Beratung ein sicherer Rahmen, ein sicherer Raum geschaffen werden. Was aber, wenn sich der/die Therapeut*in selber nicht stabil fühlt und von äußeren Ereignissen erschüttert ist? Wie gehen wir mit diesen Phasen kollektiver Unsicherheit um?

Wer sich mit der Behandlung von traumatisierten Menschen beschäftigt, stößt mit Sicherheit bald auf die Werke von Dr. Luise Reddemann: Sie ist Begründerin der „Psychodynamisch Imaginativen Traumatherapie“ und hat mit diesem Ansatz vielen Traumabetroffenen geholfen sowie ihr Wissen in Fortbildungen weitergegeben.

Am 18.05.2022 hält sie im Rahmen der virtuellen Reihe „Krise als daily business“ der Sigmund Freud Privatuniversität einen Vortrag zum Thema „Die Welt als unsicherer Ort – Ukraine-Krieg, Corona und die Folgen“.
Nähere Informationen dazu gibt es hier.

In ihrem neuen Buch „Die Welt als unsicherer Ort“ beschäftigt sich Luise Reddemann mit der Frage, wie man als Helfer*in inmitten kollektiver Verunsicherung Sicherheit für seine/ihre Klient*innen herstellen kann. Das Buch richtet sich nicht nur an Menschen in helfenden Berufen, sondern an alle, die sich in den gegenwärtigen Krisen ein unterstützendes Angebot wünschen.

Cover: Die Welt als unsicherer Ort

Sie beschäftigt sich mit der soziologischen und historischen Einordnung der Krise und ergänzt ihre „Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie“ um den Blick der „Existentiellen Psychotherapie„, wie man sie von Viktor Frankl oder Irvin Yalom kennt. Als Orientierung für Praktiker*innen führt sie in einem Kapitel einen beispielhaften Vorschlag für eine überwiegend ressourcenortientierte Krisenintervention im Rahmen von fünf bis zehn Sitzungen nach der „Psychodynamisch Imaginativen Traumatherpie“ aus.

Wie ein roter Faden ziehen sich die Themen Mitgefühl und Verbundenheit durch das Buch, sowohl mit uns selber, wenn wir uns aufgrund der aktuellen Weltlage verunsichert fühlen, als auch mit den Personen, die sich auf der Suche nach Unterstützung an uns wenden.

Insgesamt ein sehr empfehlenswertes Buch, das hilft, eigene Unsicherheiten und Verwerfungen der eigenen Lebenswelt einzuordnen und praktische Werkzeuge in Form von Übungen an die Hand gibt. Eine dieser Übungen möchte ich in Folge zitieren:

Übung zur Verbundenheit
„Nehmen Sie eine bequem aufgerichtete Sitzhaltung ein und spüren Sie den Kontakt mit dem Stuhl und dem Boden. Sodann lade ich Sie ein, dass Sie sich bewusst werden, was dort, wo Sie sitzen, alles verfügbar ist, das Sie anderen Menschen und/oder der Natur verdanken: Z.B. der Stuhl, auf dem Sie sitzen: Aus welchem Material ist er gemacht? Z.B. das Holz, wo kommt es möglicherweise her, wie viele Menschen haben daran gearbeitet, dass aus dem Holz ein Stuhl wurde? Stellen Sie sich den Baum vor, von dem das Holz stammt, seine Umgebung, alles, was dazu beitrug, dass der Baum wachsen konnte: Sonne und Regen, die Erde, in der der Baum wuchs, die Kleinlebewesen … Und nun können Sie, so lange Sie möchten, weitergehen: Durch den Raum, z.B. kommt alles, was sich dort befindet, von irgendwo her, wurde von den Elementen in seinem Entstehen unterstützt, ging durch die Hände von Menschen, die ihrerseits von anderen begleitet wurden, um die zu werden, die sie schließlich sind, um die Arbeit zu tun, die Ihnen jetzt zu den Gegenständen verhilft, zum Raum, usw. Bitte lassen Sie das auf sich wirken! Sie werden sich bewusst, dass Sie mit unzähligen Lebewesen, menschlichen und nicht menschlichen, verbunden sind, einfach nur dadurch, dass Sie sich bewusst auf einen Stuhl setzen.
Wenn Sie mögen, suchen Sie sich andere Beispiele aus dem Alltag. Immer werden Sie Verbundenheit entdecken können.
Beenden Sie die Übung dann, wenn Sie sich damit wohlfühlen, sie zu beenden. Das kann nach ganz kurzer Zeit sein oder nach langer.“
(Reddemann, 2022, S. 145f)

Reddemann, Luise (2022). Die Welt als unsicherer Ort. Psychotherapeutisches Handeln in Krisenzeiten (3. Auflage). Stuttgart: Klett-Cotta.

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