True Crime – Die Dosis macht das Gift

Spannungsgeladene Musik, schlecht hörbare Stimmen auf Originalaufnahmen, Interviews mit Zeug*innen und Angehörigen – in Vorbereitung auf diesen Blogartikel habe ich mir den Podcast „Serial“ angehört und bin so richtig reingekippt. Mit fast 400 Millionen Downloads gilt er als die Mutter aller True-Crime-Podcasts und zeichnet das Verbrechen rund um eine 19-jährige Schülerin nach, die zuerst als vermisst galt und später ermordet in einem Park verscharrt gefunden wurde. Ins Visier der Ermittlungen geriet schnell ihr Ex-Freund, der später auch verurteilt wurde und 23 Jahre hinter Gittern saß. Der Podcast weckte Zweifel an seiner Schuld und brachte bei seiner ersten Ausstrahlung 2014 viel Aufmerksamkeit für den Fall. Im September 2022 wurde der vermeintliche Täter vorerst freigelassen, wodurch der Podcast aktuell erneut an Bekanntheit gewinnt.

Neugierig habe ich den zwölf Episoden gelauscht und zweierlei beobachtet: Zum einen birgt die Erzählweise ein unglaubliches Suchtpotential und es ist fast unmöglich zu stoppen, sobald man in den Fall eingetaucht ist. Zum anderen haben der Podcast und die permanente Beschäftigung mit Verbrechen, mit seelischen Abgründen und mit dem, was Menschen anderen Menschen antun können, meine Stimmung verschlechtert und mich zumindest vorübergehend angespannt und ängstlicher gemacht. Wenn ich mich aber dadurch schlecht fühle, warum kann ich dann nicht damit aufhören? Was macht diese Faszination für wahre Verbrechen aus?

Warum Frauen True Crime mögen

Die Idee, echte Verbrechen nach den Gesetzen des Marktes aufzubereiten, ist mittlerweile wie eine Bombe eingeschlagen. In Podcasts, Serien, Büchern, Dokumentationen und Youtube-Channels jeglicher Güte werden die Geschichten von Morden, Entführungen, Erpressungen und anderen Verbrechen geschildert – ein Trend, der inzwischen so weit verbreitet ist, dass er kürzlich in der starbesetzten Serie „Only Murders in the Building“ parodiert wurde. Befragungen zeigen, dass sich vor allem Frauen für das True-Crime-Genre interessieren.

Republica auf Pixabay

Grundsätzlich gibt es bei allen Menschen eine Lust an der Angst, vor allem wenn wir wissen, dass uns in Wirklichkeit nichts passieren kann und wir dem Grauen aus sicherer Entfernung beiwohnen. Durch die detailreiche Aufbereitung der Verbrechen ist es uns möglich, als Hobbydetektiv*innen die Fälle zu analysieren und uns zu Mord-Ermittler*innen aufzuschwingen, ohne dabei echte Verantwortung übernehmen zu müssen – ein psychologischer Trick, den sich die Kriminalliteratur schon seit Sherlock Holmes zunutze macht.

Was das Genre besonders für Frauen interessant macht, hat eine 2010 veröffentlichte Studie untersucht: Sie schlussfolgert, dass Frauen vor allem Informationen darüber sammeln möchten, wie Täter*innen ticken und welche Strategien den Opfern beim Verhindern oder Überleben eines Verbrechens geholfen haben. Sie konsumieren True Crime also, um im Fall der Fälle gerüstet zu sein – eine Überlebensstrategie.

Aber ab wann ist Vorsicht geboten?

True Crime würzt den eintönigen Alltag und bringt Unterhaltung. Dennoch gibt es auch Punkte, die gegen den Konsum sprechen. Dr. Chivonna Childs, Psychologin an der Cleveland Clinic, nennt Anzeichen dafür, dass es Zeit ist, eine True-Crime-Pause einzulegen:

  • Sie haben plötzlich Angst vor Situationen, die sie normalerweise ohne Angst bewältigen.
  • Sie fühlen sich zu Hause nicht mehr sicher.
  • Sie denken das Schlechteste über ihre Mitmenschen.
  • Sie fühlen sich permanent angespannt und ängstlich.
María Prieto auf Pixabay

Es gibt also auch ein zu viel an True Crime – die Dosis macht das Gift.

Der ethische Aspekt von True Crime

Wenig Beachtung erhält auch der ethische Aspekt von True Crime: Bei allem Verständnis für menschliche Neugierde und die lehrreiche Auseinandersetzung mit dem Bösen ist doch zu bedenken, dass von jedem True Crime mindestens ein Opfer und zumeist Angehörige betroffen sind. Die Verwendung menschlicher Tragödien für Unterhaltungsformate, mit denen viel Geld verdient wird, kann für die Betroffenen und deren Umfeld zu jahrelangen Traumatisierungen führen. Ein Opfer eines Messerangriffs geht sogar soweit zu sagen, dass sie lieber erneut eine Attacke erleben wolle, als einen Podcast über das Verbrechen ertragen zu müssen. Wir sollten also immer im Hinterkopf behalten, dass wir die Erlebnisse echter Menschen „konsumieren“.
Wer weiter in dieses Thema eintauchen möchte, dem kann ich den Artikel „Mord ist kein Hobby“ von Nils Pickert sehr empfehlen.

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